Das Müll-System

Müllsystem_CoverDas Müll-System

Volker Grassmuck & Christian Unverzagt

edition suhrkamp
Frankfurt/M. 1991
ISBN 3-518-11652-5
18,- DM

Abfall ist keine Substanz, sondern ein Verhältnis. Durch die Geschichte hindurch hatten die Menschen sich in einer überwiegend friedfertigen Beziehung mit ihrem ständigen Begleiter eingerichtet. Seit 100 Jahren jedoch hinterläßt jede Generation der nächsten einen wachsenden Berg von Altlasten. Der Abfall fordert, nachdem er einige Metamorphosen durchlaufen hat, die Fallensteller der Kategorien heraus – Gesetzgeber, Chemie-Ingenieure, Materialwissenschaftler, Marktforscher, Polizisten, Semiotiker, Kunstkritiker. Heute sind wir dabei, die gesamte Infrastruktur der Gesellschaft nach den Erfordernissen des Müll-Systems auszurichten. Was dabei rauskommt, ist allerdings – bestenfalls – eine Verdichtung und Verlagerung. Mit jeder Verdichtung wird der Tödlichkeitsgrad des Mülls erhöht, mit jeder Verlagerung ein weiteres Territorium in Altlast verwandelt. Die Zukunft hat bereits begonnen. Ihre Fragestellung lautet nicht mehr eigentlich: wohin mit dem Müll?, sondern: wohin mit uns? Hat der Müll System oder ist das System der Müll?

Volker Grassmuck war damals am Research Center for Advanced Science and Technology an der Universität Tokyo beschäftigt und ist heute am Institut für Informatik und Gesellschaft der Humboldt Universität zu Berlin.

Christian Unverzagt lebte damals in Berlin, dann in Taipei und heute in Heidelberg.

Inhalt

Vorwort der Herausgeber

Der Triumph des Mülls

Wirtschaftswunder – Ex und hopp
Die Lust an der Ausscheidung und die Scham
Kinder und Abfall
Sperrmüll und Müllmedien
Italo Calvino: Die Städte und der Himmel
Schrott-Kunst
The Mutoid Waste Company

Der alte Feind des Menschen

Szenario einer möglichen Genese
Die Anfänge des Ökonologismus
Spuren 1
Das Sprechen über den Müll
Medizin und sozialer Müll
Müll-Recht
Amtsprosa
Müllsprache und Sprachmüll
Polit-Müll
Der Krieg und der Müll
Informationsmüll
Das Lesen im Müll
Abfall von der Archäologie
Kryptoanalyse des Mülls
Der Decodierer

Die ursprüngliche Akkumulation des Mülls

Die Müllwirtschaft
Ein Mann mit Eigenschaften
Strategien
Recycling
Die Materialien im einzelnen
Ein Brief aus Japan
Die Reste vom Recycling -Vorschein des Verschwindens
Wohnen 1 – Recycling in der Dritten Welt
Deponien
Auf Halde
Karl Otten: Die Gewesenen
Spencer Holst: Finders Keepers – Wer’s findet, darf’s behalten
Auf Schatzsuche
Genealogie der Macht über den Müll
Müllverbrennung
Luft – Austausch und Deponiegase
Ab-Wasser
Erde
Altlasten & Noggies
Die Toten und der Müll
Untertagedeponien
Spuren 2 – Grube Messel
Wohnen 2 oder Das urbane Müllmonster
Italo Calvino: Die andauernden Städte 1
Abfall vom Tabu oder Das Verlagerungsgesetz der Sondermülle in oben und unten offenen Kreisläufen

Die Hölle im Gefolge

Die Bewegung des Mülls und sein Verschwinden
Aufstieg und Fall des Joschka F. – Eine Müllographie in 3 Akten
Die Müll-Internationale
Geisterschiff-Biographie 1 – Khian Sea
Geisterschiff-Biographie 2 – Karin B. und Deepsea Carrier
Das Meer und der Müll
Atommüll
Ins Über-All
Ab- und Unfälle

Zum Gedenken der Nachwelt

»The Time of His Waste«
Semiotik
Der Schlüssel im Müll
Abfällige Gedanken
Paulus
Die Siegel
Die Müll-Kirche und der Geheime Orden

Glossar
Abbildungsnachweise


Vorwort der Herausgeber

»… und zu verderben,
die die Erde verderbt haben.«
(Off. II/I8)

Nach reiflicher Überlegung haben wir uns entschlossen, die Aufzeichnungen, die uns das Schicksal zugespielt hat, der Öffentlichkeit vorzulegen. Die Ungeheuerlichkeit der darin aufscheinenden These hat uns dazu bewogen, alle Bedenken über den Geheimnisbruch und eine mögliche persönliche Gefährdung zurückzustellen.

Wir waren seit zwei Jahren damit beschäftigt, ein Buch über Müll & Schrott zu recherchieren. Wir sind dabei allen Verzweigungen, die sich uns im Material – in den Texten und im Gegenstand selbst – auftaten, gefolgt. Der Weg war somit kursorisch. Und gerade deshalb führte er uns folgerichtig zu dem Punkt, an dem wir die verborgenen Aufzeichnungen fanden, die unsere Arbeit schließlich überflüssig gemacht haben.

Unsere Recherche führte uns durch die Geschichte, über Müllplätze, in Kunstgalerien, in Gesetzestexte, in die Belletristik und schließlich unter die Erde. Dort, in dem Stollen eines ehemaligen Kohlebergwerks bei Braunlage nämlich, trafen wir auf ein computergesteuertes Müllsimulationssystem einer privaten Forschungs- und Ausbildungseinrichtung. Es gelang uns auf eine Weise, die wir erst im nachhinein als die einzig mögliche erfassen konnten, einen Pfad in diesem Simulationsmodell zu beschreiten, den der Autor der vorliegenden Texte dort hinterlassen hatte. Er führte uns auf einigen weiteren Umwegen zu drei Büchern mit handschriftlichen Aufzeichnungen. Es waren auf den ersten Blick Tagebücher oder Arbeits-Kladden. Beim Lesen entpuppten sie sich als manchmal obskurer Einblick in ein in seinem Umfang atemberaubendes Geflecht aus Macht und Mysterium, das wir, dem Autor folgend, Das Müll-System nennen.

Der Schlüssel zu diesen verborgenen Zeugnissen lag an einer Stelle, die, zumindest für die Fachöffentlichkeit, leicht zugänglich war. Seine Funktion als Sicherheitssystem bekam die Müllsimulation durch eine mögliche, aber für den Uneingeweihten unwahrscheinliche Lesart. Die Vermutung drängt sich auf, daß hier auf eine aufwendig ausgeklügelte Weise etwas sehr Gefährliches gesichert werden sollte. Etwas, vor dem die Umwelt und die Öffentlichkeit geschützt werden mußte – oder das umgekehrt vor der Öffentlichkeit geschützt werden sollte? Oder sollte dieses Wissen vielmehr vor einer anderen, viel größeren Macht verborgen bleiben? Der gefährlichste Müll, dem wir auf die Spur gekommen waren, ist eine Information.

Aus den Texten läßt sich wenig über den Autor erschließen. Er war Professor an einem Institut für Abfallwissenschaft. Er war kein Naturwissenschaftler, sondern ein vielseitig gebildeter Akademiker – eine Art Müllgenie. Müll und Abfall hat ihn bereits lange vor der Gründung der Fakultät interessiert. In einem »Der Decodierer« überschriebenen Textfragment charakterisiert er sich folgendermaßen: »Ich war, nein, ich bin ein privater Forscher. All meine berufliche Tätigkeit war mir doch nur ein Mantel, den ich mir zum Schutz vor den Stürmen gesellschaftlicher Entrüstung angezogen habe, um mein Leben mit dem Abfall von unserer Existenz verbinden zu können. Ich war immer ein Suchender, den eine unwiderstehliche Faszination geleitet hat; eine Faszination nekrophiler Abenteuerei, dachte ich lange. Später sah ich mich als Wahrheitssucher.« Über das Erstaunen, das er mit seinem Ansuchen auslöste, an dem Anfang der 70er Jahre gegründeten Institut forschen zu können, schreibt er an einer Stelle: »Sie begreifen nicht, daß sie den Phänomenen nicht gewachsen sind.« Und an einer anderen heißt es »Der Betrieb der Welt erhellt seinen Sinn vom Gipfel einer Deponie, wenn nur das Kreischen der Möwen die Stille zerreißt.«

Es ist uns nicht gelungen, Identität und Wirkungsfeld des Professors zu rekonstruieren. Die frühen Aufzeichnungen, die einen Schluß auf die Gründungszeit seines Instituts zuließen, sind gar nicht datiert. Spätere Eintragungen enthalten zwar Daten, aber keine Jahreszahlen. Zeitgeschichtliche Bezüge lassen auf einen Zeitraum von mindestens 18 Jahren schließen. Nachforschungen bei den in Frage kommenden Einrichtungen lassen es zweifelhaft erscheinen, ob es tatsächlich in der Bundesrepublik lag, ja ob es sich nicht vielmehr um ein von unserem Autoren entworfenes mögliches Institut für Abfallwissenschaft handelt. Dennoch sind alle Angaben von einer gründlichen Kenntnis des tatsächlichen Wissenschaftsbetriebes getränkt. Alle Angaben über Orte und Personen, soweit sie ihn selbst betreffen, sind sorgfältig getilgt.

Ob der Autor noch lebt, ist uns folglich nicht bekannt. Wir haben aber Grund zu der Annahme, daß es sich beim vorliegenden Müll-System um seine Hinterlassenschaft handelt.

Die Kladden enthalten Texte sehr unterschiedlichen Festigkeitsgrades. Neben ausgearbeiteten Vorträgen und Artikeln finden sich Notizen, fixierte Anregungen aus Gesprächen und Exzerpte, die möglicherweise zunächst als Vorarbeiten für eine Veröffentlichung gedacht waren, weiterhin Informationen, die ihm von Dritten anvertraut worden waren, so daß der eine Verfasser schließlich in dem andern drinsteckt wie die Schachteln in einem chinesischen Schachtelspiel. Nach reiflicher Überlegung haben wir uns entschlossen, nichts zu verändern, nach unserem Gutdünken auszuarbeiten oder gar zu zensieren. Wir wollten die Gedankenwelt unseres Meisters, die neben der Bestandsaufnahme von Fakten immer wieder zu philosophischen Betrachtungen und Aphorismen führt, möglichst authentisch weitergeben.

Der Tonfall der Texte reicht von der nüchternen Arbeitsnotiz bis zum religiös gefärbten Manifest. Zum Ende hin häufen sich kosmologische Reflexionen. Hier wird die Stimmung dunkler. Das Geheimnis lastet bereits auf unserem Autor, der seine Mitwisserschaft offenbar nur um den Preis seines Lebens oder einer noch schlimmeren Strafe hätte bekennen können. Also vertraute er sich, gleich Midas‘ Friseur der Erdhöhle, seinen Arbeitskladden an. Ein Beben, ein gewisser Horror kehrt wie ein unruhiger Traum immer wieder. Doch noch hier hat er sich zurückgehalten, das Geheimnis nicht vollständig preisgegeben, als wage er nicht einmal, seinen inzwischen wohlverborgenen Arbeitsheften die ganze Wahrheit anzuvertrauen.

Ab dem Zeitpunkt einer ersten Vermutung über die Existenz des Müll-Systems hat er die Arbeitstagebücher mit immer ausgefeilteren Maßnahmen vor unbefugtem Einblick geschützt. Die Art der Zugangssicherung zu der Geheimnisdeponie, in der wir sie schließlich vorfanden, legt die Vermutung nahe, daß er sehr wohl an einen zukünftigen Leser dachte. Ein Leser jedoch, der gleich ihm selbst den Weg der zufälligen Suche, des zielgerichteten Verlaufens in der Müll & Schrott-Materie zurückgelegt hat. Der Schlüssel ist also das genaue Gegenstück zur Entfaltung des Geheimnisses in den Kladden selbst. Wohlgemerkt, die einzelnen Bestandteile des Schlüssels stellen selbst kein Geheimnis dar. Jeder, der sich die Mühe macht, wird sie vorfinden. Zum Schlüssel werden sie erst durch die Zusammenschau, so wie die über ganz Europa verstreuten Megalitformationen ihren Sinn erst dem Kartographen am Reißbrett offenbaren, der die komplexen Beziehungen zwischen ihnen auf einen Blick erkennt.

Was er von seinem durch das Sicherungsverfahren selektierten Adressaten erwartete, ist schwer zu mutmaßen. Erhoffte er sich insgeheim vielleicht, daß noch ein Zeitgenosse Das Müll-System finden und veröffentlichen würde? Oder rechnete er erst in zukünftigen Generationen mit einem Leser und betrachtete er deshalb sein Vermächtnis als eine Nachrede auf die dunklen Vorzeiten des Mülls? Wir wissen, daß unser Meister sich intensiv mit der Übermittlung von Wissen über geologische Zeiträume hinweg befaßt hat. Erwartete er, daß sich gänzlich neue Bioformen, gar Außerirdische mit der Entzifferung der folgenden Seiten abmühen werden? Über die Frage nach dem von unserem Meister antizipierten Leser läßt sich nur spekulieren. Die Frage nach dem tatsächlichen Leser des Müll-Systems wird sich beantwortet haben, wenn Sie, verehrter Müllinteressent, die letzte Seite umschlagen werden.

Die Texte sind weitgehend chronologisch angeordnet, doch gibt es immer wieder nachträgliche Ergänzungen zu früheren Einträgen, Kommentare, die, vom weiterreichenden Kenntnisstand des Autors aus, frühere Beobachtungen richtigstellen oder ihre Implikationen deutlicher aufzeigen. Viele Texte sind mit Überschriften versehen, die auf geplante Kapitel seines Buches hinweisen. Als Herausgeber sind wir im wesentlichen der gegebenen Ordnung gefolgt. Da sich der Autor selbst jedoch nicht hartnäckig an eine Chronologie gehalten hat, haben wir uns die Freiheit genommen, dort wo es die Klarheit des Zusammenhangs gebot, Umstellungen vorzunehmen. Spätere Hinzufügungen des Autors und Querverweise von uns finden sich z. T. in den Fußnoten.

Xiamen und Tokyo, im Dezember 1989

Volker Grassmuck
Christian Unverzagt


Spuren 1

Der Müll ist erst in jüngster Zeit zum bewußten Problem der Weltgesellschaft geworden. Als Materie ist er natürlich wesentlich älter. Vielleicht hilft es, ihn bis zu seinen Anfängen zurückzuverfolgen, wenn man verstehen will, wie er im Triumphzug in die urbanisierte Welt einmarschieren konnte, um sich dann als unbarmherziger Widersacher alles menschlichen Unterfangens zu enthüllen.

In nicht zu überbietender Datierung läßt der Müll- und Abfalltechnik-Experte Hans-Hermann Habeck-Tropfke kurzerhand mit der Entstehung des Menschen »das Zeitalter des Mülls« beginnen.(1) Abfälle gibt es zwar bereits in vormenschlicher Zeit von Lebewesen jeglicher Art, seien es pflanzliche Zerfallsformen, Ausscheidungen, Kadaver oder Knochen von Tieren; aber sie alle sind organischen Ursprungs und Schicksals. Sie werden durch Mikroorganismen zersetzt und verbleiben so im natürlichen Stoffwechselprozeß der Erde. Erst dem Menschen gelingt es – oder ist er dazu verdammt? – unzersetzbare Produkte aus diesem Prozeß auszuscheiden.

Mensch und Müll scheinen wie Körper und ihre Schatten zueinander zu gehören. Das Werkzeuge fabrizierende Wesen ist in seiner Geschichte aufs innigste mit den von ihm ausgeschiedenen Stoffen verbunden. Auch wenn der Mensch in ihnen nicht sein Innerstes erkennen möchte, so stellen sie doch die ersten Zeugnisse seiner Existenz dar. Das, was Menschen schon in der »Vorzeit« wegwarfen oder einfach liegenließen, dient der Wissenschaft von heute oftmals als einziges Hilfsmittel, um Rückschlüsse auf deren Lebensgewohnheiten zu ziehen. Steinwerkzeuge und Knochengeräte neben Säugetierknochen verraten etwas über die zwei Millionen Jahre alten Australopithecinen, deren Überreste man in Südafrika fand. Im Abfall entdeckte Asche zeugt von der Kenntnis und dem Gebrauch des Feuers durch den über 400 000 Jahre alten Homo erectus pekinensis.

In der Geschichte des Menschen kam es bekanntlich irgendwann zur Seßhaftwerdung der nomadisierenden Jäger und Hirten.(2) Mit dem festen Wohnort stellte sich die Frage der Abfallbeseitigung neu. Der bereits zitierte Habeck-Tropfke nimmt an, daß frühe Siedlungen mitunter wegen der nach und nach anfallenden Müllberge wieder geräumt wurden, um sich dem Ungeziefer, wilder Tiere und dem Gestank zu entziehen. Seiner These zufolge bedurfte es erst eines Lernprozesses, um mit dem gehäuften Müll-Anfall fertig zu werden. Ein Ergebnis eines solchen Lernprozesses wären die riesigen, auf einen Entstehungszeitraum zwischen 8ooo und 9ooo v. Chr. geschätzten Muschelhalden, die man in Skandinavien, Portugal und Spanien fand. In ihnen ist noch heute die damalige Erkenntnis gespeichert, daß man die unverwertbaren Nahrungsmittelreste eigens, und das heißt außerhalb des Wohnplatzes, lagern muß, wenn man sich das Leben nicht selbst ungenießbar machen will.

Die Geschichte ließe sich über das Anwachsen der Ansiedlungen zu urbanen Komplexen linear weiterschreiben. Aber das Kapitel der Städte ist bereits ein Palimpsest. Es überschreibt wichtige Resultate des »Lernprozesses«, die im Leben der Stämme und der Dörfer bis in unser Jahrhundert hinein organisiert waren. Überall dort, wo die Dimension des Sozialen durch das Maß kollektiven Zusammenlebens begrenzt blieb, war es nämlich möglich, das Ausgeschiedene wieder in die natürlichen Zyklen von Werden und Vergehen zu integrieren. Man kompostierte den organischen Abfall und ließ die Fäkallen als Dung der Fruchtbarkeit dienen. Anorganische Materialien wie Scherben oder besagte Muschelschalen lagerte man an speziellen Orten ab, wo sie sich zu eigenen Landschaftsformationen schichteten (und heute als kulturelles Sediment wieder aufgefunden werden können).(3) Die im kollektiv geregelten Leben verwendeten Materialien und ihre – modern gesprochen – Entsorgungspraxis laufen noch synchron mit den natürlichen Zeitzyklen. Erst die lineare Beschleunigung der Zeit durch das Stadtwesen läßt den Müll zum Problem werden.

In den frühen Städten schwillt der Müll durch die Bevölkerungskonzentration und die Entfernung vom ländlichen Boden zu einer schier unbewältigbaren Menge an. Aber immerhin, es gibt zwei mächtige Faktoren, die seinem unkontrollierten Wuchern entgegenarbeiten: die Religion und die Technik.

Dort, wo die ältesten uns bekannten Städte entstanden: in Indien, im Zweistromland, in Ägypten, im Nahen Osten, Griechenland oder Rom, war das Leben noch von einer starken Religiosität geprägt; und die jeweiligen Religionen legten großen Wert auf die Einhaltung ihrer Sauberkeitsvorschriften, denn die Reinheit von Seele und Körper jedes einzelnen wurden als unerläßlich für das Wohl des Gemeinwesens betrachtet. Es gab Vorschriften für die Verrichtung der Notdurft an separaten Orten(4), und es gab Reinigungszeremonien mit strikter Anwesenheitspflicht. Wer in Rom z. B. dem alle vier Jahre vor den Mauern abgehaltenen Reinigungsopfern fernblieb, verlor sein Bürgerrecht. Bei dieser rituellen Reinwaschung konnte nur das Opfer eines Stiers, eines Schweins und eines Schafs den im Lauf der Jahre angesammelten Makel von der Stadt nehmen.

Um den Reinlichkeitsgeboten nachkommen zu können, bedurfte es in den Städten eigens ersonnener Techniken; aber auch Ämter, wie das des Telearchen in Theben, der für die Straßenreinigung und Abfallbeseitigung verantwortlich war. Im alten Babylon war das städtische Leben um den Tempel organisiert. Die Macht des priesterlichen Stadtherrn gründete nicht zuletzt in seinem Amt als Wasserinspektor, das ihm die Aufsicht über das Bewässerungssystem des Landes sowie die Stadtreinigung zuwies.

Die sich entwickelnde städtische Intelligenz stellte ihr Organisationsvermögen nicht nur im militärischen Bereich unter Beweis, sondern auch in (noch heute) beeindruckenden Konstruktionen technischer Anlagen zur Abfallbeseitigung. In der indischen Stadt Mohendscho-Daro, in der 2 5oo v. Chr. etwa 5o ooo Menschen lebten, gab es bereits Baderäume in größeren Häusern, Aborte und ein Kanalnetz für Abwässer. Verschmutztes und Regenwasser wurde nicht direkt in den Straßenkanal geleitet, sondern zunächst
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Mündung der Cloaca maxima in den Tiber.

Mündung der Cloaca maxima in den Tiber.

in ein Absetzbecken, um Grobstoffe abzusondern. Sogar eine organisierte Müllabfuhr scheint es gegeben zu haben. Räume mit starkem Abfall-Anfall wie Küche und Klo waren über einen quadratisch gemauerten Absturz mit der Außenseite des Hauses verbunden, an deren Fuß Tonvasen für den Müll bereitstanden. Wahrscheinlich war man um eine getrennte Sammlung zwecks Wieder- bzw. Weiterverwendung der Fäkalien und Küchenabfälle bemüht. Ähnlicher Verfahren bedienten sich auch die Babylonier und die Assyrer, während die Abortanlagen des Palastes von Knossos mittels eines umgeleiteten Wasserlaufs gespült wurden.

Aus der Bibel wissen wir, daß David die Eroberung seiner Geburtsstadt Jerusalem gelang, indem er Joab durch die schmutzigen Abwässerkanäle der Stadt schickte, um die Wachen zu überrumpeln. Es war übrigens derselbe Kanal, der das Blut der Opfertiere zu den Klärteichen führte. Jerusalem hatte auch die erste uns bekannte Müllverbrennungsanlage. Auf seiner Deponie im Tale Kidron verbrannte man alle nicht kompostierbaren Müllbestandteile und verringerte so das Gesamtvolumen des zu lagernden Mülls. Man sieht: Die Grundideen der noch heute gültigen bzw. erst wiederentdeckten Verfahren zur Müllentsorgung wurden bereits früh durchgespielt.

Noch ist es nicht die gefährliche Materialität des Mülls, sondern seine ins Ungeheure wachsende Menge, die ihn problematisch macht. Am plastischsten stellt sich dies vielleicht im alten Rom dar, wo man gigantische Projekte realisierte, um der Lage Herr zu werden. Ob mit Erfolg oder nicht, bleibt eine Frage der Ansprüche und Gewohnheiten, die man damals noch nicht in Form von »Objektiven« Meßwerten codierte.

Der griechische Geograph Strabo würdigte neben der Pflasterung der Straßen und der Wasserversorgung vor allem die Kloaken als städtebauliche Leistungen der Römer. In dem Einverleibungsmoloch Rom hatte man schon in ältester Zeit an ein künstliches Ausscheidungsorgan gedacht. Bereits im 6. Jahrhundert vor Christus baute man die Cloaca Maxima, die bis heute geduldig Abwässer aus der Stadt leitet und somit das älteste in Gebrauch befindlieche Bauwerk ist. Man schätzt, daß 6o n. Chr. die Wassermenge, die durch die Cloaca strömte, über 25 ooo m3/h betrug. Aber auch sie konnte das Abfallproblem der Stadt nicht lösen. In dem zur Millionenstadt angewachsenen kaiserlichen Rom gab es etwa 46 ooo bis zu zehnstöckige Mietskasernen, die durchschnittlich von 2oo Menschen bewohnt wurden. Diese Mietskasernen waren zu gigantischen Blöcken zusammengeschlossen, die man insulae nannte. Wasserklosetts gab es nur bis zum ersten Stock, und so wurde der ganze Unrat in Eimern auf die Straße gestellt. Als Geruchsraum hatte die Stadt schon ihren unverkennbaren Charakter. Trotz Cloaca Maxima, trotz erster öffentlicher Toiletten, die gleichzeitig mit dem Kolosseum errichtet wurden (72 bis 8o n. Chr.) und trotz einiger hundert, vor allem von Agrippa angelegter Überlaufbrunnen, die die Straßen durchspülten, häufte sich der Unrat. Die umliegenden Felder konnten seine Menge bald nicht mehr aufnehmen und so warf man ihn zusammen mit Tausenden von Tierkadavern und Menschenleichen (dem Abfall der »Spiele«) in offene Gruben. Nicht nur draußen vor der Stadt, wo die ehrenwerten Toten lagen, sondern bis in die Elendsviertel hinein wurden zu diesem Zweck dreieinhalb Meter im Geviert und neun Meter tiefe Gruben und Gewölbe angelegt. Für die in ihrer Nähe Lebenden bedeuteten sie physische, für die sie nicht Wahrnehmenden psychische Degeneration. Rom hinterließ nicht nur ein bewundernswertes technisches Konstrukt zur Abfallbeseitigung, sondern auch die Einsicht, daß der städtische Glanz mit einer stinkenden Rückseite behaftet ist.

Hinterlassenschaft war überhaupt eines der ersten Projekte, mit dem die Städte sich ihren Sinn schufen. in Ägypten bildeten sie sich um das noch zu dessen Lebzeiten zu errichtende Grabmal des Pharao. Da jeder dieser Herrscher sich einen anderen Standort seiner Verewigung aussuchte, waren diese Städte so kurzlebig, daß sich in ihnen nicht der Abfall der Zeit ansammeln konnte und wir keine Spuren mehr von ihnen haben. Anders als beispielsweise in den langlebigen Metropolen des Zweistromlandes, wo man den Surplus-Unrat, für den keine technische Lösung bereitstand, auf die Straße warf. Da es noch keinen Giftmüll im modernen Sinne gab, mußten die Bewohner ihren Geruchssinn nur entsprechend urbanisieren, um nach der Devise »Tritt sich fest« handeln zu können. Man baute die Türschwellen der Häuser einfach Generation für Generation ein Stückchen höher, während die alten in dem von ihren Bewohnern hinterlassenen Abfall und dem der folgenden Generationen verschwanden. So ging das alte Babylon permanent in einem neuen unter – bis es sich schließlich doch unter die Erde gewachsen hatte.

Der Niedergang des römischen Reiches unter dem Ansturm der nördlichen Völker bedeutete auch in der Geschichte des Mülls eine Zäsur. Während der Völkerwanderungen hatten die verfallenden Städte Zeit, ein wenig auszulüften. An Zugluft mangelte es der mittelalterlichen Stadt dafür wieder um so mehr. Anders als die mit geraden und breiten Straßen angelegte antike Stadt wuchs sie innerhalb ihrer Befestigungsmauer entlang enger, gewundener Gassen, auf denen man auch noch die Schweine frei herumlaufen ließ, wo sie wenigstens vor hungrigen Feinden in Sicherheit waren. Man mußte sich neu an ein Leben mit dem Unrat gewöhnen. Nicht nur, daß man die Tiere schlecht zu einer Abortbenutzung

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anhalten konnte, auch den Menschen waren die großen technischen Errungenschaften des antiken Stadtlebens in Vergessenheit geraten, so daß die Straße zwangsläufig auch die Funktion der Deponie mitübernehmen mußte. Erst nach und nach und keineswegs in einer stetigen Entwicklungslinie rüstete man sich wieder zum Kampf gegen den Müll. In Paris ließ Philipp II. 1185 mit der Pflasterung der Straßen beginnen, nachdem er durch den Geruch des aufsteigenden Faulgases einen Ohnmachtsanfall erlitten hatte. Hamburg zog 1269 nach, Prag 1331, Nürnberg 1368 und Basel 1387. Durch den festen Belag war es möglich, die Straßen zu reinigen; allein, wer dies tun sollte, blieb eine vielerorten ungelöste Frage. In Berlin hatte man diese Aufgabe oftmals den Frauen zugeschoben, ab 1587 einem Scharfrichter und seinen Leuten. In Wien wurden aufgegriffene Dirnen, nachdem man ihnen den Kopf kahlgeschoren hatte, zu Säuberungsarbeiten herangezogen. Sie bewährten sich sowenig wie die sie ablösenden Sträflinge unter Aufsicht altgedienter Soldaten. Die unzureichende Behandlung des Müllproblems glaubte man in Preußen durch rigorose Maßnahmen aufbessern zu können. 1666 stellte man sogenannte Gassenmeister an, die jedoch nur für den Abtransport des Mülls zuständig waren. Aufladen mußten ihn die Hausbesitzer selbst. Wer dem nicht nachkam, dem wurde gemäß kurfürstlicher und später von Friedrich Wilhelm I. erneuerter Anordnung der Unrat in die eigene Wohnung geschaufelt. Erst mit dem Sieg des Bürgertums, das bereits seit dem 17. Jahrhundert hier und dort von dem Privileg Gebrauch machen konnte, auf über dem Dreck errichteten Bürgersteigen zu promenieren, setzte sich erneut die Idee durch, daß die Müll- und Abfallbeseitigung eine unerläßliche Aufgabe der kommunalen Verwaltungen sei, die als ehrbare Tätigkeit auch entlohnt werden müßte.

Das »Müll-Mittelalter« währte lange. Mit Beginn der »Neuzeit« hatte es sich sogar noch riechbar verfinstert. Der religiöse Dogmatismus im Zeichen der sich gegenseitig überbietenden Reformation und Gegenreformation setzte das christliche Diktum von der sündigen Nacktheit öffentlich durch. Die Reinheit der Seele wurde als durchaus unabhängig von der körperlichen betrachtet, und so schloß man die kollektiven Tauchbäder, in denen man nichts weiter als einen Sündenpfuhl erkennen konnte. Zwar legte man fürderhin auch größeren Wert auf separate, den Blicken der Mitwelt entzogene Orte zur Ausscheidung des Körperinneren (alles Innere war nun mehr oder weniger mit dem Makel des Sündligen behaftet und das hatte der Mensch ganz allein mit Gott auszumachen), aber die anschließende Entsorgung blieb als Problem lange nicht recht begriffen. Selbst im Prachtschloß von Versailles gab es keinerlei sanitäre Anlagen, und so zog man sich zur Verrichtung seines Bedürfnisses einfach hinter den nächsten gold- oder silberdurchwirkten Brokatvorhang oder eine gestutzte Hecke im Park zurück. Noch in der großen Enzyklopädie von I755 werdendiebegriffe »bain«und »douche« als »terme de chirurgie« bezeichnet.

Es ist nicht verwunderlich, daß diese Zustände den Menschen irgendwann »stanken«. Mehr als fraglich bleibt allerdings, ob technische Lösungen den urbanen Müll-Anfall in Schach halten können. Die Erfahrung der antiken Stadt von der Übermacht des Abfalls könnte auf andere und gefährlichere Weise als im Mittelalter vergessen sein. Die bürgerliche Abhilfe, die dem Unratgestank geschaffen wurde, scheint selbst ein Teil eines noch viel gigantischeren Müllproblems zu sein. War die Abfallhäufung von Anfang an der Schatten der urbanen Lebensweise, so blieb sie doch bis zu diesem Jahrhundert nur eine lästige Plage; vor allem in Zeiten der Cholera, des Typhus, der Malaria und der Pest. Aber niemals schienen diese gottgeschickten Zeiten das Projekt Stadt in Frage zu stellen. Das könnte sich geändert haben.


Informationsmüll

Ich habe gerade druckfrisch den »Abfall-Katalog« des Bundesamtes auf den Tisch bekommen. Beim Durchblättern sticht vor allem die ungeheure Fleißarbeit ins Auge, die dahintersteht. Aber bevor ich mir den Wälzer genauer vornehme, das habe ich schon gemerkt, sollte ich erstmal einige Gedanken zu den verschiedenen materialen und immateriellen Erscheinungsformen des Mülls fixieren, die mir schon seit einiger Zeit durch den Kopf gehen. Sonst besteht nämlich die Gefahr, daß sie von der Informationsflut zugemüllt werden. Das ist übrigens typisch – zum Stichwort »Informationsmüll« gibt es natürlich keinen Registereintrag. Nein, da müssen sich schon noch andere Ordnungs- und Klassifizierungssysteme für den Müll finden lassen, als die von Techno- und Bürokraten.

Materialien: Abfall ist keine absolute Kategorie. Abfall konstituiert ein Verhältnis zwischen einem Ausgangsstoff und einem Endstoff – Transsubstantiation / Transmutation der Alchimie / Stoffwechsel / Alterung, Verfall und Tod / Mutation und Selektion etc.

1. Abfall entsteht bei der Herstellung aus und Säuberung von einem Rohstoff (als Späne beim Hobeln, als Nichtidentisches im Prozeß der dialektischen Vernunft)

2. Abfall ist der Endzustand eines Produkts nach der Phase seiner Verwendung

Der zweite Aspekt kommt in den gängigen ökonomischen, technischen, philosophischen Diskursen nicht vor. Nur als Verschwundenes, Vergessenes, als Negativ.

Ökonomisch spricht man von Zirkulation der Arbeitskraft, des Geldes und der Ware, wobei die Ware nicht eigentlich zirkuliert. Sie wird produziert, verbraucht und was von ihr übrig bleibt landet auf dem Abfall – also ein linearer, gerichteter Prozeß. (Ausnahme: der Diskurs der Abfallwirtschaft, der den der Ökonomie im großen von seinem Ende her aufnimmt.)

Technisch ist die Rede von Verschleiß als Altern vor der Zeit, von der Ersetzung durch neue Maschinengenerationen (wobei die ersetzten im Diskurs ausgespart bleiben). Der Maschinenbau kennt zwar abfallproduzierendes (spanendes) Formen (Fräsen, Hobeln) nach 1., aber nicht den Abfall nach 2. (höchstens als Transsubstantiation: nicht Schrott-Maschinen, sondern sekundärer Rohstoff).

Auch philosophisch ist die Rede von Abfall nach 1. bei der Herstellung der einen Welt durch Vernunft, von Konsens durch Diskurskontrolle etc., bei der Späne fallen. Aber das Denken läßt keine Abfallhalden hinter sich zurück. Verbrauchte Ideen werden entweder recycelt (in nachfolgenden aufgehoben) oder lagern in Bibliotheken neben den anderen, wo man ihnen nicht ansieht, daß sie Schrott sind, und aus denen sie eines Tages in einer Renaissance wieder auftauchen. Idealiter. Natürlich wird da auch einiges unter den Teppich gekehrt.

Gegen ein systematisches Recycling der Texte richtet sich Virilio: »Die Modernität taucht nicht auf als Filiation, wie Foucault sagen würde, als Genealogie. Sie taucht nur auf als Überraschung, Zufall, Unfall. Sie ist der Schimmel im Penicillin. Daher die Absage an die Bibliotheken, es sei denn man fischt sich aus ihnen wie aus Abfalleimern Stücke von Frauen, Stücke von Lastwagen, Vaubans und Fliegende Festungen.«“(5)

und Immaterialien: Wenn Abfall also keine Substanz, sondern ein Verhältnis ist, dann müssen die ökonomischen und technischen Diskurse ihren Gegenstand verfehlen. Ihnen entgeht, daß die Verwertung eine Umwertung ist; daß Wertung das Setzen von Differenzen meint, das Bedeutung schafft; daß sich nicht in erster Linie Materialien verwandeln, sondern die Bedeutungen des Materials. Der Begriff des Recycling unterstellt, daß Materialien zirkulieren. Was tatsächlich zirkuliert, sind Bedeutungen, oder, um diesen hochangesetzten und aus der Mode gekommenen Begriff zu vermeiden, Informationen. Nur durch einen dichten Pelz von solchen Informationen hindurch können wir auf die Dinge (den Müll natürlich eingeschlossen) zugreifen. Ein Bild für dieses Verhältnis wären jene Handhabungsautomaten, mit denen Menschen hinter dicken Bleiglasscheiben hochradioaktiven Atommüll manipulieren. Wir befinden uns also in einer Welt aus Informationen, und die unterliegen anderen Gesetzen als jene, die die Materialwissenschaften für ihren imaginären Gegenstand entworfen haben. Die Grundoperationen, die für Information zugelassen sind, heißen Schreiben, Lesen, Löschen und Anhalten.(6) Darauf beruhen alle höheren Bedeutungsebenen der Information, und die können natürlich auch so aussehen, wie die Materialverehrer das gerne hätten, aber auch so, wie jeder x-beliebige andere, der die Grundegeln kennt, es gerne hätte.

Information ist nur ein möglicher Zustand im Zeichengewimmel, der ständig von der delete-Taste bedroht ist. Alles ist nur eine Umschrift, und es ist nur eine Lesart, die alles zum Müll werden lassen kann. Aber der Informationsmüll ist selbst ein fruchtbares Data-Biotop. Leere und Fülle wechseln sich aus wie Yin und Yang. Überfülle und Leere sind nur durch die Nuance einer Betrachtungsweise unterschieden.

Information verändert ihre Bedeutung ganz ähnlich durch Stoffumwandlung wie die Materie. Sie macht Metamorphosen durch. Eben noch Information, im nächsten Moment schon Datenmüll. Die Werbung hat die Vorgabe nicht nur hierfür gesetzt. Nicht nur das schock-artige Aufscheinen und sofortige Veralten, sondern auch die wechselweise Umwertbarkeit von Kaufinformation und Hochglanzabfall gibt das Modell für die Daten ab. Daten werden zur Information nur, wenn sie auf einen bestimmten Kontext hin gelesen werden. Und der ist wechselhaft, gleich-gültig, zu-fällig – eine Geschmacksfrage. Das Material, das in-formiert wird, um eine Information zu ergeben, ist genauso für alle Einschreibungen offen, wie die Lesarten sich keiner Beugung widersetzen. Das Prinzip des Informationsraumes besteht nicht in der Festlegung auf eine Möglichkeit, sondern in der Grenzenlosigkeit dieser Möglichkeiten selbst. Virtuell und virulent sind die Wirklichkeiten in der fließenden Welt der Information. Es gibt in ihr keine Vernichtung, nur Zustandsveränderung.

Das Material der Ware wird unter Energieeinsatz aus der Natur gewonnen oder im Labor produziert. Es wird über mehrere Schritte veredelt, mit anderen Materialien kombiniert und in eine funktionale Form gebracht. Dann wird es vernutzt und schließlich entsorgt. Für die Nettosumme geht dabei nichts verloren, außer Energie. Egal ob Recycling, Deponierung, Verbrennung, Meeresboden oder All; ob als Sero, Gift oder ästhetisches Ärgernis – die Stoffe bleiben uns erhalten. Das ist die Lehre des Ökologismus. Nichts verschwindet.

Für die moderne Kraftmaschinentechnik ist die Natur ein vorausberechenbarer Zusammenhang von Kräften. Apparatur und Experimente erzwingen, schreibt Heide-guerre,(7) »daß sich die Natur in irgendeiner rechnerisch feststellbaren Weise meldet und als ein System von Informationen bestellbar bleibt«. Es geht ihr nicht um ein Her-vorbringen, sondern um ein Heraus-fordern. Natur entbirgt sich den Grundlagenwissenschaften des industriellen Prozesses (und Heide-guerre) als Hauptspeicher des Energiebestandes, das Erdreich als Kohlenrevier, der Rhein als Wasserdrucklieferant. Kohle wird gespeichert, damit sie zur Stelle sei, um bestellt werden zu können, damit sie das Getriebe treibt. Damit erscheint selbst der Rhein als etwas Bestelltes. »Erschließen, umformen, speichern, verteilen, umschalten sind die Weisen des Entbergens. . . . Steuerung und Sicherung werden … die Hauptzüge des herausfordernden Entbergens.« Alles Herausgeforderte geht in den Bestand dessen, was bestellfähig ist und was uns nicht mehr als Gegenstand gegenübersteht. Der Gegenstand verschwindet in dem Gegenstandslosen des Bestandes.

Allerdings gehört zum Bestand auch das, was vom Anstand Abstand genommen hat, der Müll. Das haben die Produzenten und ihre hilfsarbeitenden exakten Wissenschaften (und mit ihnen auch Heide-guerre) übersehen. Und wenn das natürliche Material (um wieviel mehr erst das unnatürliche) sich schon mit solcher Leichtigkeit mit seiner herausgeforderten informationellen Form austauschen kann, wie soll es dann zwischen ihrer Wert- und ihrer Abfallform eine Grenze geben. Nach dem Fall kommt immer der Abfall.

Erschließen, umformen, speichern, verteilen, umschalten – das sind die Bewegungen des Prozesses, der Müll produziert; es sind die Schlachtrufe des knowledge-engineering, das das Wissen zur Ingenieursaufgabe macht und sog. Information produziert; und das sind schließlich die Strategien, die auf den Mül angewendet werden. Steuerung und Sicherung sind die Paradigmen des industriellen Prozesses als Ganzem, der Information, des Mülls.

Erz, Metall, Stahl, Produkt, Schrott – das ist eine Wandlungsreihe der materiellen Ware. Die Wende vom Naturgegebenen, einem ursprünglichen Datum, zum Ver-Wendeten. Auch das verwendete Immaterielle hat einen Ursprung: die wirkliche Welt. Nur ist hier der imaginäre Status des Ausgangspunktes der Wandlungsreihe evidenter. Hier gibt es nichts zu erkennen, entdecken, hervorzubringen. Die prokrustische Gewalt des Herausforderns schafft zuallererst etwas, das nachträglich locker an eine mögliche Wirklichkeit geheftet wird. Es erscheint im zweiten Schritt als neues Gegebenes, als Daten, die über endlose Stufen verdichtet, neukombiniert, indexiert werden. Materialien wie Immaterialien haben die Neigung zu gewaltigen Halden anzuwachsen und schließlich als Lawinen über uns hereinzubrechen. In ihrer Müllform stellen beide sich als Problem von Volumen und Konzentration. Volumen stellt sich bei den Immaterialien naturgemäß nicht als Raumproblem, sondern, wie bei der geordneten Deponie der Materialien, als eines des Retrievals, des Zugriffs auf das Abgelegte. Da sich alles unter Umständen vom Müll wieder in Ressource verwandeln kann, bedarf es einer Meta-Information, eines Index, um es wiederfinden zu können. Die Verdichtung senkt den Platzbedarf, aber erhöht die Konzentration, und damit die Störanfälligkeit sowie die Giftigkeit, …und sie senkt die Zugriffsgeschwindigkeit.

Für das, was in keinem heute denkbaren Fall sich wieder in Sero verwandeln lassen kann, müssen Entsorgungstechniken bedacht werden. Eine solche ist der Einsatz von Viren und anderen Mikroben. Sie schaffen Leere im Speicher des Computers und in dem der Umwelt. Sie schaffen einen sekundären leeren Raum, bereit für neue Projektionen und Einschreibungen. Sie machen die mit Gegebenem zugemüllte Arbeitsfläche zur tabula rasa, d. h. zur Ressource.

Bei der Information ist es evident. Es gibt nur Zustandsveränderung. Auch Viren vernichten nichts. Sowenig, wie man sie vernichten kann. jedes Immunsystem zwingt die Viren nur zur Mutation in eine andere Gestalt. Sie sind keine Wesen, sondern ein Prinzip. Die Speicherzellen, die Null oder Eins aufnehmen können, sind ein reiner Möglichkeitsraum, der bis zur Müllwerdung von außen, bis zum definitiven Stromausfall, als Boden der Wirklichkeit besteht. Es gilt der Möglichkeitserhaltungssatz. Man kann alles auf Null oder alles auf Eins stellen, tabula rasa machen – und dennoch ist nichts verloren. Unaufhörlich werden die 0/1 Zustände ausgelegt, bereits durchgespielte Möglichkeiten rekonstruiert und neue erschlossen. Es gibt kein Ende, es findet ständig statt: indem alles wieder in die statistische Gleichvertellung von Null und Eins zurückfließt, ins Weiße Rauschen. Dieses wird in einer anderen Lesart, dem Zufallsgenerator, bereits selbst zur Information.

Information ist das geregelte Setzen von Ladungen. Die Materie wird zu einer Maschine in-formiert. Die Regel der Setzung, der Belegung von Speicherzellen, muß immer wieder neu gefunden werden. Jede nur mögliche diskrete Maschine kann im Computer nachgeschaffen werden, so die Definition von Turing. Wir brauchen keine Wirklichkeits-Maschinen mehr zu bauen, wir brauchen nur die universelle Informationsmaschine zu beschriften, zu programmieren.

Jede mögliche schließt natürlich auch jede Menge Müllmaschinen ein. Jeder Programmierer hat seine Festplatte voll mit Programmruinen, von denen man nicht sagen kann, ob sie sich noch im Aufbau befinden oder durch jeden weiteren Eingriff vollkommen in sich zusammenstürzen würden.

Spricht man vom Material und seiner immateriellen Erscheinungsform, muß man fragen, von wo aus sprechen wir über Müll? Kann es überhaupt ein anderer Ort sein, als die Beckettschen Mülltonnen? »Nagg verschwindet im Mülleimer und klappt den Deckel zu. Nell rührt sich nicht. Worüber können sie denn reden, worüber kann man noch reden? Rasend: Mein Königreich für einen Müllkipper! Er pfeift. Weg mit diesem Dreck! Ins Meer damit!«


Fussnoten

1. Vgl. Habeck-Tropfke, Müll- und Abfalltechnik, Düsseldorf 1985, S. 1.

2. Es handelt sich um einen keineswegs zwangsläufigen und überall wie von selbst vonstatten gehenden Prozeß, wovon die Nomaden in aller Weit, denen der Zugang zu ihren Wasserstellen verstellt wird und die man mit staatlicher Gewalt zwangsansiedelt, noch heute ihre Lieder singen können.

3. Es gibt allerdings kollektive Kulturen, die bereits die Produktion anorganischer Dinge ablehnen. Die australischen Ureinwohner sehen die Landschaft, in der sie leben, als durch mythische Ahnen geschaffen an, der sie nichts hinzuzufügen haben. Sie betrachten alle Dinge, die sich nicht in Bewegung befinden, mit Mißtrauen. Aus ihnen entwickeln sich Geister, die sich gegen ihre Besitzer kehren.

4. Das mosaische Gesetz, das dem noch wandernden Volk gegeben wurde, schreibt vor: » Wenn jemand unter dir ist, der nicht rein ist, weil ihm des Nachts etwas widerfahren ist, der soll hinaus vor das Lager gehen und nicht wieder hineinkommen, bis er vor dem Abend sich mit Wasser gewaschen hat; und wenn die Sonne untergegangen ist, soll er wieder ins Lager gehen. Und du sollst draußen vor dem Lager einen Platz haben, wohin du zur Notdurft hinausgehst. Und du sollst eine Schaufel haben, und wenn du dich draußen setzen willst, sollst du damit graben; und wenn du gesessen hast, sollst du zuscharren, was von dir gegangen ist.« (5. Mose 23/11-14)

5. Tumult 1 (1981), S.84. Adorno brachte den Abfall zwar noch nicht mit Zufall und Unfall zusammen, meinte aber wohl etwas ähnliches, als er in der Minima Moralia schrieb: »… daß Erkenntnis dem sich zuwenden muß, was in solche Dynamik (der Dialektik von Siegen und Niederlagen, dem »Stufengang zum Heil «, die Hg.) nicht einging, am Wege liegenblieb – gewissermaßen den Abfallstoffen und blinden Stellen, die der Dialektik entronnen sind« (Adorno, Minima Moralia, Frankfurt/M. 975, S. 200).

6. Das Halteproblem ist offenkundig dem der iterativen Annäherung an einen Gleichgewichtszustand von Müllproduktion und -Entsorgung verwandt.

7. In: Die Technik und die Kehre, Pfullingen 1988.

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